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Tag 1 Mittwoch, 7.15, Busbahnhof Wien: Wir treten unsere Gedenkfahrt nach Auschwitz an. Gemeinsam mit dem Theresianum teilen wir einen Bus.

Zuerst wird einmal nachgeschlafen. Nach 2 kurzen und einem längeren Zwischenstopp kommen wir nicht wie geplant in Auschwitz an, sondern stehen im Stau. Wir beschließen zu Fuß weiterzugehen. Schließlich erreichen wir Auschwitz zwar viel zu spät, jedoch bleibt Zeit für eine kurze und emotional herausfordernde Besichtigung und berührende Begegnungen, u.a. mit dem 103-jährigen Marko Feingold, Präsident der israelitischen Kultusgemeinde. Nach einem gemeinsamen Totengebet geht es mit Oberrabiner Paul Chaim Eisenberg in das Hotel in Krakau. Nach einer Aufzugspanne (3 Lehrer_innen und 4 Schüler_innen müssen aus dem defekten Lift befreit werden) steht das Abendessen an. Ein Altstadtspaziergang im wunderschönen Krakau beendet Tag 1.

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Tag 2 In aller Früh geht weiter zu einem weiteren bewegenden Moment unserer Gendenkreise: dem Gespräch mit der Gerechten unter den Völkern, Frau Miroslava Gruszczynska, die der damals 13-jährigen Miri das Leben rettet, indem sie das jüdische Mädchen vor den Nazis bei sich versteckte. Die beiden Frauen verbindet eine tiefe Freundschaft, die bis heute anhält. Nachdem sich die Schüler_innen in persönlichen Gesprächen mit der Gerechten für diese wunderbare Geschichte von Zivilcourage und Freundschaft bedanken, treten wir die Weiterreise an: zuerst mit einem kurzen Zwischenstopp bei Tesco, dem wohl größten uns bekannten Supermarkt, der schlichtweg überfordernd wirkt.

Nachdem wir es dann doch schaffen, zu einer der Kassen zu finden, geht es weiter nach Auschwitz. Mit in unserem Bus ist wieder Paul Chaim Eisenberg und wieder kommen wir nach einem kleinen Busgebrechen zu spät an: zu spät für die korrekte Aufstellung für den March of the Living. Jedoch ist es noch möglich, von einer Seitenstraße ausgehend an die Gruppe aufzuschließen. Der March of the Living kann wohl als einer der Höhepunkte unserer Reise bezeichnet werden. Gemeinsam mit tausenden anderen Jugendlichen gehen wir von Auschwitz 1 nach Birkenau, wir halten, um jüdische Lieder mitzusingen oder ihnen zu lauschen, wir bringen Holztäfelchen entlang der Bahngleise mit persönlichen Sprüchen an und manchmal sind wir auch einfach nur ganz für uns alleine.

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Der einsetzende Regen gefolgt von Sonnenschein passt zur Stimmung, die zwischen emotional schmerzhafter Erinnerung (die vielen Kindernamen, von Kindern, die in Konzentrationslagern getötet wurden, die über Lautsprecher vorgelesen werden) und einer Zukunft voller Hoffnung und Frieden changiert. Nach einer offiziellen Zeremonie am Ende des „Marches“ haben wir die Möglichkeit, den Worten des 103-jährigen Zeitzeugen Marko Feingold zu lauschen. Seine Art über die Erfahrungen in 4 Konzentrationslagern zu erzählen löst Erstaunen und Bewunderung aus. Den Schüler_innen gibt er auf den Weg, stets demokratisch zu handeln.

Etwas gerädert von dem herausfordernden Tag essen wir spät zu Abend und besuchen Krakaus Altstadt nur ganz kurz.

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Tag 3 Der dritte und letzte Tag unserer Gedenkfahrt bringt uns zuerst nach Kazimierz, dem jüdischen Viertel Krakaus, mit seinen vielen Synagogen. Kazimierz ist auch Drehort für Steven Spielbergs Film Schindlers Liste. Wir besichtigen die Originalschauplätze, an denen einzelne Szenen gedreht wurden. Im Anschluss daran betreten viele von uns zum ersten Mal eine Synagoge – die Burschen allesamt mit Kopfbedeckung – sowie einen jüdischen Friedhof, dessen Gräber Steine anstelle von Blumen zieren. Ein Abschlusskonzert von Oberkantor der israelitischen Kultusgemeinde und Tenor Shmuel Barzilai in einer eigens für uns angemieteten Synagoge lässt Freude aufkommen und endet mit einem beinahe kollektiven Tanz im Gebäude. Nicht alle Schulen, die an der Morah-Gedenkreise teilnehmen, finden das gut, da es ihrer Ansicht nach zu „progressiv und fröhlich“ sei. Nicht so die Rahlgasse J, die Begeisterung unserer Schüler_innen ist groß. Nach einer Kurzbesichtigung des Krakauer Ghettos geht es nicht wie geplant nach Plaszow, da wir natürlich wieder mal im Stau stehen… Dafür haben wir einiges mehr an Freizeit in der Altstadt Krakaus, deren Flair wir vor allem rund um den Markt genießen.

Am frühen Abend heißt es „auf zu unserer letzten Station“: dem Abschlussessen mit allen über 400 Morah-Teilnehmer_innen. Es folgen Dankesworte seitens des Orga-Teams. Insbesondere die Rahlgasse erfährt als Schule, die von Beginn weg (seit ca. 10 Jahren) an der Morah-Reise teilnimmt, immer wieder besondere Wertschätzung. Unsere Schulsprecherin, Nora Studener, äußert sich vor den Anwesenden mit der am Ende stehenden Hoffnung, dass der historische Tiefpunkt in der Geschichte der Menschheit mit dem Holocaust erreicht sei. Maria Finz-Lucchi bedankt sich schließlich beim Verein Morah, vor allem aber bei Schüler_innen, Lehrer_innen und der Direktorin der Rahlgasse für die so selbstverständliche Unterstützung.

Um kurz nach 24 Uhr treten wir die Heimreise an und kommen zum ersten Mal ohne Stau (aber auch ohne viel Schlaf) und eine Stunde zu früh am Samstagmorgen am Hauptbahnhof in Wien an.

Es darf behauptet werden, dass diese Reise Spuren hinterlässt uns alle ein Stück weit verändert. Zwar glaubt man im Grunde zu wissen, was auf eine/n zukommt. Wenn man jedoch den Ort des Schreckens physisch selbst erlebt, eröffnen sich einer/einem ganz neue Dimensionen. Umso unvorstellbarer ist die Tatsache, dass es noch immer Menschen gibt, die den Holocaust leugnen….Es darf ebenso behauptet werden, dass wir als Schule das Geschenk erleben, mit Menschen zu sprechen, die den Nazi-Terror am eigenen Leibe erfahren haben. Es sind dies die letzten Zeug_innen und wir sind die letzte Generation, die diesen in direkter Kommunikation begegnen kann. Im Sinne des Erinnerns sind sie und ihre jeweils individuellen Geschichten Schätze des kulturellen Gedächtnisses. Diese Personen verdienen tiefsten Respekt… dafür, dass sie uns von dem erzählen können, was sich nie mehr wiederholen darf. In diesem Sinne: Never again! Never forget!